Freitag, 12. Februar 2016

Ogham/Ogam - der keltische Baumkalender

Bäume... Bäume waren für uns als Menschen schon immer Heimat. Eine Welt ohne Bäume ist für uns nicht vorstellbar. Unsere Vor-Ahnen, die Primaten, lebten in und von den Bäumen, waren "ihr Schoß und ihre Wiege" (John Matthews). Später gaben die Bäume uns von ihrer Substanz und wir nutzen sie als Brennholz und Baumaterial... wir suchten kühlen Schatten und Schutz unter ihrem Blätterdach, hielten Rat & Gericht und heirateten unter Ihnen, aßen von ihren Früchten und nutzen ihre Heilkraft. Sie geben uns die Luft zum Atmen und so waren wir schon immer aufs Tiefste mit Ihnen verbunden.

So ist es nicht verwunderlich, dass Bäume zu allen Zeit Orte der Besinnung und der Ausübung eines rituellen Kultes waren. Dieser machtvollen Präsenz eines alten Baumes können sich selbst heute sehr moderne, urbane Stadtmenschen nicht entziehen. Bäume strecken ihre Äste gleich Antennen weit hinauf in den Himmel und werden zu Vermittlern zwischen Himmel und Erde. Sie fangen kosmische Energie ein und leiten sie in die Erde und genauso umgekehrt. Sie gelten in naturspirituellen und schamanischen Kreisen als Weisheitsquelle und Zentrum und wurden schon immer verehrt. So finden wir in der germanischen Mythologie die Weltenesche Yggdrasil, die alle neun Welten trägt bzw. mit einander verbindet, bei den Griechen den Baum der Hesperiden, bei den Sumerern den heiligen Baum von Eridu und in der iranischen Mythologie den Simurgh-Baum, die Mutter aller Bäume, nur um hier einige zu nennen. Befand man sich in der Nähe der Bäume, waren die Götter nicht fern.

Für mich waren Bäume schon immer Teil meiner verzauberten Welt. Die erste Verbundenheit mit Bäumen fühlte ich als kleines Kind zu einer großen alten Trauerweide im Garten meiner Großeltern. Unter ihrem Blätterdach habe ich in meiner Welt gelebt, sie war mein Himmelsdrache, der mich weit zu den höchsten Wolken tragen konnte, auf der Baumschaukel konnte ich die Wolken berühren und mich an ihren lianenartigen, langen Zweigen von einem Abgrund zum nächste schwingen... Meine nächsten Herzensbäume wurden zeitgleich die Birke, die Pappel und die Tanne. Diese Bäume sind mir auch immer noch besonders nah. Bei ihnen fand ich stillen, wartenden Frieden, alle ganz anders in ihrer Wirkung auf mich, aber alle brachten mich zur Ruhe. Die umarmende, wogende, tröstende Geborgenheit der Weide... der freundliche, lichtdurchtränkte Schatten der Birken, der mich immer aufheiterte... die dunkle, einhüllende, geheimnissvolle Anwesenheit der Tanne, die mir einen Teil des Waldes in mein Herz pflanzte... oder die hochaufragenden Pappeln, deren immer in Bewegung scheinenden Blätter mich in eine mächtige Klangwelt entführten und unter denen ich meinen ersten Moment eines allumfassenden Moment des Eins-Seins, meinen ersten Moment der Erleuchtung hatte...

Doch was haben all die anderen wunderbaren Bäume für Geheimnisse für mich? Welche Geheimnisse liegen tief verborgen zwischen ihren Wurzeln und welche Magie rinnt langsam knisternd ihren Stamm herunter? 

Und so habe ich im November letzten Jahres begonnen mich mit dem keltischen Ogham (Ogam) zu befassen. Dieses alte, keltische Alphabet besteht aus 20 bzw. 25 Buchstaben, denen sich meistens bestimmte Bäume (oder Pflanzen, aber auch verschiedene andere Sachen, wie z.B. Vögel, Flüsse oder Farben) zuordnen lassen. So ist dieses Schriftsystem landläufig auch als Baum-Alphabet bekannt. Diese Zuordnung zeigt ganz deutlich die Verbundenheit der alten Kelten und ihrer Druiden mit der Natur und besonders den Bäumen. War man mit dem Ogham vertraut, konnten seine Zeichen (sie erinnern entfernt an Runen) auch zur Divination, also zum Weissagen und Orakeln benutzt werden. Die Bedeutung der einzelnen Schriftzeichen erschloss sich aus den Botschaften der zugeordneten Bäume und Pflanzen.

Das Alphabet wird vertikal geschrieben und die einzelnen Buchstaben bestehen meist aus Gruppen von horizontal oder diagonal Strichen die einen zentralen Stamm kreuzen (visuell interpretiert könnten es Bäume mit Ästen sein). Hier bei hat jeder Buchstabe einen bestimmten Lautwert und somit auch einen bestimmten Klang und wie oben schon erwähnt, eine besondere Bedeutung. Auch sind die einzelnen Buchstaben bestimmten Zeiten im Jahr zugeordnet und so wird dieses Alphabet zu einem komplexen und tiefgehenden System, dass vielschichtig interpretiert werden kann. Es lässt sich in fünf Sätze teilen (aicme), die jeweils nach dem ersten Buchstaben benannt sind...

Aicme of Beith/Familie der Birke
Beith - Lautwert B - Baum: Birke - November - 1. Monat - Trad. Bedeutung: Neuanfang
Luis - Lautwert L - Baum: Eberesche - Dezember - 2. Monat - Trad. Bedeutung: Schutz
Fearn - Lautwert F - Baum: Erle - Januar - 3. Monat - Trad. Bedeutung: Verteidigung
Saille - Lautwert S - Baum: Weide - Februar - 4. Monat - Trad. Bedeutung: Harmonie/Inspiration
Nuin - Lautwert N - Baum: Esche - März - 5. Monat - Trad. Bedeutung: Stärke

Aicme of Huath/Familie des Weißdorns

Huath - Lautwert H - Baum: Weißdorn - April - 6. Monat - Trad. Bedeutung: Herausforderung
Duir - Lautwert D - Baum: Eiche - Mai - 7. Monat - Trad. Bedeutung: Schicksal
Tinne - Lautwert T - Baum: Stechpalme - 8. Monat - Trad. Bedeutung: Energie
Coll - Lautwert C - Baum: Haselnuß - 9. Monat - Trad. Bedeutung: Weisheit
Quert - Lautwert Q - Baum: Apfelbaum - Trad. Bedeutung: Vision

Aicme of Muin/Familie des Weins
Muin - Lautwert M - Baum: Brombeere/Wein - 10. Monat - Trad. Bedeutung: Ernte
Gort - Lautwert G - Baum: Efeu - 11. Monat - Trad. Bedeutung: Unterstützung
Ngetal - Lautwert Ng - Baum: Schilf - 12. Monat - Trad. Bedeutung: Bewahrung
Straif - Lautwert St - Baum: Schlehdorn - 13. Monat - Trad. Bedeutung: Magische Kraft
Ruis - Lautwert R - Baum: Holunder - die letzten drei Tage im Oktober - Trad. Bedeutung: Ofer

Aicme of Ailm/Gruppe der Kiefer

Ailm - Lautwert A - Baum: Kiefer - 22. Dezember - Trad. Bedeutung: Überblick
Onn - Lautwert O - Baum: Stechginster - 21. März (Ostara) - Trad. Bedeutung: Fruchtbarkeit
Ur - Lautwert U - Baum: Heidekraut - 21. Juni (Mitsommer) - Trad. Bedeutung: Glück
Edadh - Lautwert E - Baum: Pappel - 21. September (Mabon) - Trad. Bedeutung: Bewegung
Idho - Lautwert I - Baum: Eibe - Dezember - 21. Dezember (Yule) - Trad. Bedeutung: Beharrlichkeit

Aicme of Eabhadh/Gruppe der Espen
Ruis - Lautwert R - Baum: Espe - Trad. Bedeutung: Sammeln
Oir - Lautwert Oi - Baum: Spindelstrauch - Trad. Bedeutung: Schicksal
Uinllean - Lautwert Ui - Baum: Geißblatt - Trad. Bedeutung: Magie
Ifin - Lautwert Io - Baum: Stachelbeere - Trad. Bedeutung: Ahnenweisheit
Phagos - Lautwert Ai - Baum: Buche - Trad. Bedeutung: Übergang

23. Dezember - ohne Zuordnung


Als Startzeitpunkt wird die Zeit um das keltische Neujahr genommen, also die Zeit nach Samhain/Allerheiligen. Hierbei startet ein Ogham-Monat immer mit dem Schwarzmond (der Tag ohne Mond) bzw. mit dem neuen Mond (Neumond) und ist somit ein Mondmonat, kein Kalendermonat. So kommt man auch auf die zugeordneten 13 Monate.

Es ist ein wunderbares Alphabet und bringt mich den einzelnen Bäumen so sehr näher. Gerade da nach Samhain, also um Allerheiligen, das Kräuterjahr endet und erst wieder jetzt zu Imbolc, also Anfang Februar startet, war es unglaublich toll, mich mit den Bäumen zu beschäftigen. Zu Beginn war ich skeptisch, wie sollte ich die Bäume denn bitte ohne Blätter erkennen? Doch mittlerweile und besonders die gerade aktuelle Erle hat mir gezeigt, wie wunderbar die Bäume durch ihre Silhouetten und die besondere Art zu wachsen (z.B. die Art wie sich ein Ast in immer kleinere Zweige teilt) zu uns sprechen und erkennbar sind. Auch ihre so unterschiedlichen Rinden/Borken und Standorte sprechen Bände. Ohne den Startpunkt im Herbst wäre ich so schnell wahrscheinlich nicht zu dieser Erkenntnis gekommen und würde nicht so vertraut sein mit ihnen. Schon allein für diese Erkenntnis bin ich wahnsinnig dankbar. Bisher haben mich die Birke, die Eberesche und die Erle durch den Winter begleitet. Im Moment befinden wir uns im Monat der Weide. Ich werde über meine Erlebnisse mit den Bäumen schreiben, denn ich bin jetzt schon tief beeindruckt.

Beschäftigen wir uns mit dem Wesen der Bäume und tauchen in ihre Welt ein, so streift der Geist der Natur, von Mutter Erde unsere Seele und wir sind nicht mehr Teil dieses zeitlichen und materiellen Kontinuums, in dem wir uns normalerweise befinden. Wir sind tief bewegt und beseelt und werden in solchen Momenten Teil eines viel Größeren, sind eins mit uns und allem...

Kommentare:

  1. Bäume sind ein wahrhaftes Wunder für mich. Und besonders schön, die auf deinen Fotos!!! <3 Großartig.!

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  2. Hast Du irgendeine gute Quelle für Informationen über Ogham? Ich wüsste gerne mehr darüber, finde aber irgendwie nichts Brauchbares. Ein Buch wäre gut :)

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